Sida 381
Artur Vestberg: Über die biologische Bedeutung der krankhaften Erscheinungen
DIE BIOLOG. BEDEUTCNG DER KRANKHAFTEX ERSCHEINUNGEX. 3
berichtigt werden, die wir uns gegenwärtig uber die biologische Bedeutung der krankhaften Veränderungen machen kunnen.
Wohl ist. bereits von Botanikern, Zoologen, Veterinären, Bakteriologen und Experimentalpathologen eine Menge Material angesamnielt worden, das Vorarbeiten fiir eine vergleichende Pathologie enthält, aber die svstematische Bearbeitunsf dieses ^Materials zu dem Zwecke, das Problem der Evolution auch vom pathologischen Gesichtspunkt aus zu erörtern, hat eben erst begonnen. Die Arbeit auf diesem Gebiete eröffnet zu haben, ist das Verdienst Metschxikoffs. Er ist der erste, der eine aus der Pathologie des Menschen und der höheren Tiere bekannte Erscheinung in ihrer Entwicklung von den niedrigsten Stadien des Tierlebens an zu verfolgen gesucht hat. Ich korame später mit einigen Worten auf seine Arbeit uber die rergleichende Pathologie der Entsiindimg^) zuriick.
Die Ursache davon, dass man so spät begonnen hat, die Pathologie von allgemein biologischem Gesichtspunkt aus zu bearbeiten, ist — stelle ich mir vor^) — eine iibereilte, allzu beschr.änkte Auffassung von der biologischen Bedeutung der Krankheitserscheinungen. Die Bedeutung, die man diesen Erscheinungen beigemessen hat, hat nicht vermocht, um ihretwillen jenen Forschern ein entscheidendes Interesse einzuflössen, die sich vorzugsweise mit der organischen Entwicklung beschäftigt haben, wie Zoologen und Botaniker. Fiir sie haben die krankhaften Erscheiuungen im grossen ganzen nur Bedeutung als Ausscrungen der Minderwertigkeit bei den Individuen, die durch die natiU-liche Auswahl zum Untergang verurteilt sind, öder höchstens als Mittel in der Hand der Natur zur Vollstreckung dieses Urteils. Die schwächeren, kränklichen Individuen — so durfte der Gedankensano- sein — o-ehen frliher öder später zu Grunde, das Erbe ihrer Eigenschaften känn jedenfalls nicht durch viele Generationen hindurch fortleben. Es känn also nicht bestimmend fiir die Entwicklung werden. Die Krankheitserscheinung hat nach diesem Gedankengang nur eine voriibergehende und vollständig negative Bedeutung fiir die Entwicklung, sie känn nicht — wenigstens nicht direkt —
') E. Metschnikoff. Leeons; sur la patholosiie compnrte ile riiithuiimatiou. Paris 1892.
^) Verf., der ausschliesslich durch seiue Tätigkeit als Pathologe dazu veranlasst wurde, iiber deu vorliegenden Gegenstaiid näher nachzudeukeu, ist in der iibrigen iiaturwisseuschaftlichen Biologie uur Dilettant und gibt zu, iu der Philosophie Ignorant zu sein.
Källa: Internet Archive ·
